Der Künstler

der kuenstlerAm 23. Juli 2004 ist der Bildhauer und Schwyzer KulturpreisträgerJosef Rickenbacher aus Steinen nach längerer, schwerer Krankheit gestorben und ist damit seiner Gattin Anna gefolgt, die ihm unerwartet nur drei Monate im Tod vorausgegangen ist. Zum 80. Geburtstag von Josef Rickenbacher ist für nächstes Jahr die Einrichtung eines Raumes geplant, der den noch im Privatbesitz des Künstlers befindlichen Werken gebührend Platz bieten soll. Das Ehepaar wird diesen Tag leider nicht mehr erleben Der Mann mit dem Béret – das war für viele der Künstler aus Steinen: Bildhauer Josef Rickenbacher. Ein stiller und intensiver Schaffer, der Kunst und Handwerk weder partout getrennt in eine Ecke stellte noch je laute öffentliche Auftritte suchte oder gar provozierte. Präsenz markierte er vielmehr mit seinen vielfältigen Arbeiten, und zwar weit und mehrheitlich über die Kantonsgrenzen hinaus. Nur wenige wussten denn auch um sein langjähriges Wirken, kannten vielleicht einige seiner öffentlichen Werke in der eigenen Region, so etwa die „Stauffacherin“ in Steinen, die „Entfaltung“ im Lehrerseminar Rickenbach, den Chor mit Altar, Kreuz und Ambo in der Pfarrkirche Seewen, den „Eidgenössischen Kreuzweg“ in der Bogenhalle des Bundesbriefmuseums oder die zahlreichen Kreuze und Figuren auf dem Friedhof in Schwyz. Dass der Schwyzer Künstler 1982 beim Einstieg in das weltberühmte Matterhorn eine grosse „Madonna mit Kind“ gestalten und 1990 auf dessen Gipfel sogar einen „St. Bernhard“ in Bronze platzieren durfte entnahm man möglicherweise zufällig den Medien.

 

Freiheit und Kunst

Der 1925 in Steinen als Sohn des „Dorfschullehrers“ geborene Künstler war in jungen Jahren im Stauffacherdorf stark verwurzelt, spürte jedoch schon früh den Drang nach Freiheit und Kreativität. Maler oder Bildhauer war sein Berufsziel. Wer jedoch zu seiner Zeit „etwas Rechtes“ werden und auf „Sicherheit“ bauen wollte, lernte ein Handwerk, wurde Bank- oder Postbeamter. Obwohl dem Lesen, Rechnen und Schreiben alles andere als angetan, versuchte es der „Schulflüchtige“, wie er sich selber nannte, mit der Handelsschule – vor allem auf Wunsch des Vaters, der auch sein strenger, der Korrektheit wegen bisweilen sogar pedantische Lehrer war, weniger zu Hause als in der Schule. Der Austritt aus der Handelsschule vor dem Diplom, der Verzicht auf eine Lehre als Steinmetz und der Ratschlag des Berufsberaters für einen künstlerischen Beruf liessen das Eis brechen: Josef Rickenbacher trat 1942 in die Kunstgewerbeschule Luzern ein und verliess diese vier Jahre später als Steinbildhauer mit Lehrabschluss. Darauf folgten Weiterbildungen bei der Firma Jeker für Grabmalkunst in Bern, als „Geselle“ bei Bildhauer Karl Geiser in Zürich und als Mitarbeiter bei Bildhauer Albert Schilling in Arlesheim. „Geiser verkörperte Freiheit und Künstlerleben, Schilling war der geistige Typ, der alles sehr durchdachte und verarbeitete“, aber jungen Bildhauern auch viel Selbstvertrauen mit auf den Weg gab, zog Rickenbacher vor Jahren Bilanz.

 

Erstes Atelier in Zug

Selbstvertrauen war mitentscheidend, dass sich der junge Schwyzer Bildhauer auf ein Zeitungsinserat hin meldete, in dem das frei gewordene Atelier des Künstlers Wotruba in Zug zur Miete ausgeschrieben wurde. Alles klappte auf Anhieb: Im Sommer 1949 begann im Atelier am Weinberg seine selbständige Tätigkeit, anfänglich äusserst bescheiden und ohne Aufträge. „Man muss im Leben etwas riskieren, kann nicht immer auf Sicherheit bauen“, war eine seiner Devisen. Im neuen Umfeld lernte er den Architekten Leo Hafner, später auch die Architekten Hanns A. Brütsch und Paul Weber kennen. Allmählich entwickelte sich ein Freundeskreis, wertvolle Informationen begannen zu spielen, mit Hinweisen und Empfehlungen ging es weiter. Der erste Auftrag war 1951/52 die Gestaltung eines Kreuzweges für die Kirche St. Michael in Zug – eine Thematik, die Josef Rickenbacher Zeit seines Lebens begleitete und beschäftigte: Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Architekten auf dem Gebiet der kirchlichen Kunst, insbesondere auch die intensive Beschäftigung mit dem kreuz in zahlreichen Varianten. Kam dazu, dass die 50er und 60er Jahre eine Blütezeit des Kirchenbaus waren, wovon Künstler profitierten.

 

Eigenes Atelier in Steinen

Die Heirat mit Anna Reichlin und die Geburt von Tochter Cäcilia fielen noch in die Zuger Periode. 1958 bedeutete der Bau eines eigenen Ateliers mit Freiraum im Garten des Vaterhauses in Steinen nicht nur die Rückkehr ins eigene Dorf, sondern auch der Beginn seines äusserst vielfältigen und ebenso intensiven künstlerischen Schaffens. Das Werkverzeichnis erwähnt allein rund 50 kirchliche Aufträge in den Kantonen Aargau, Bern, Graubünden, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, St. Gallen, Wallis, Thurgau, Zürich und Zug. Über 30 öffentliche Aufträge, vor allem die künstlerische Gestaltung von Schulanlagen und öffentlichen Gebäuden mit Brunnen, Plastiken und Reliefs, sind allein in den Kantonen Schwyz und Zug auszumachen. Zu den persönlichen Höhepunkten seines Schaffens zählte Josef Rickenbacher die bereits erwähnten Plastiken am Matterhorn und ein Denkmal in Zermatt zur Erstbesteigung dieses magischen Berges. Übrigens hat er sich in seinem Berufs- und Künstlerleben nur einmal um einen Auftrag beworben – im ersten Jahr, um die Gestaltung eines Grabsteins, wenn auch erfolglos. „Dieses Fragen, Bitten und Herablassen liegt mir nicht. Eher wäre ich sitzen geblieben und hätte auf alles verzichtet“, versichere er einst und charakterisierte damit sein Selbstverständnis.